Ich weiß, dass mein Erlöser lebt

Freude © Tim Robberts/DigitalVision via Getty
Verstehen wir, dass das Leben uns ständig auf die Probe stellt und uns herausfordert, unseren Glauben nicht nur zu kennen, sondern ihn mit Überzeugung zu leben?

Diese Worte aus Händels Messias verkünden uns Gottes beständige Fürsorge und die Erlösung durch seinen Sohn. Sie schenken uns die Kraft, Leid und Tod mit festem Glauben an die Zukunft zu tragen.

Von Robin Webber

Es wird erzählt, dass der Schweizer Dirigent Bernard Reichel bei einer Probe von Händels großem Oratorium Messias eine Sopranistin mit makelloser Technik den berühmten Satz „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“ singen ließ. Alle erwarteten ein lobendes Nicken oder ein zufriedenes Lächeln. Stattdessen gebot Reichel mit erhobener Hand Stille, trat zu der Sängerin und fragte sie fast traurig: „Meine Tochter, Sie wissen doch nicht wirklich, dass Ihr Erlöser lebt, oder?“

Verlegen antwortete die Sopranistin: „Doch, ich glaube schon.“ „Dann singen Sie es!“, rief er mit bewegter Stimme. „Sagen Sie es mir so, dass ich spüre, Sie haben die Freude und die Kraft dieser Wahrheit selbst erfahren.“

Die Sopranistin wiederholte ihren Part nun mit einer Inbrunst, die von tiefem Glauben an den auferstandenen Herrn zeugte. Dabei kamen vielen Zuhörern die Tränen. Auch dem Dirigenten liefen Tränen über die Wangen, als er schließlich mit bewegter Stimme sagte: „Jetzt wissen Sie es wirklich – denn diesmal haben Sie es mir gesagt!“

Was können wir als Jünger Jesu Christi aus dieser Geschichte für unser eigenes Leben mitnehmen, wenn wir uns seiner klaren Einladung „Folgt mir nach!“ wirklich öffnen (vgl. Markus 8,34)? Sind wir wie die Sopranistin zunächst zurückhaltend und schüchtern, wenn es um unseren persönlichen Glauben an Jesus und seine Auferstehung geht?

Ist uns bewusst, dass die Welt jeden Tag unsere Bühne ist? Verstehen wir, dass das Leben uns ständig auf die Probe stellt und uns herausfordert, unseren Glauben nicht nur zu kennen, sondern ihn mit Überzeugung zu leben?

Mehr als nur Wissen über Christus

Wahre Jüngerschaft besteht nicht darin, die richtigen Worte zu kennen und sie fehlerfrei auszusprechen. Sie bedeutet, unser Herz ganz auf den auszurichten, der lebte, starb, auferstand, in den Himmel auffuhr und nun zur Rechten des Vaters erhöht ist. Es geht nicht nur darum, von Christus zu wissen, sondern ihn wirklich zu kennen und täglich in ihm zu wachsen.

Das ist weit mehr als eine intellektuelle Leistung. Es verlangt tiefe geistliche Wurzeln, die uns nicht nur für den heutigen Tag, sondern für die Ewigkeit rüsten. Es bedeutet, unser menschliches Ende bewusst anzunehmen, da „den Menschen ist bestimmt, einmal zu sterben“ (Hebräer 9,27). Es bedeutet, dieses Ende als Tor zu unserer endgültigen Wirklichkeit mit Gott zu verstehen.

Jesus selbst schärft uns dieses Bewusstsein ein. Am letzten Abend seines irdischen Lebens sagte er zu seinen Jüngern:

„Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich! In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn’s nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten? Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin. Und wo ich hingehe, den Weg wisst ihr“ (Johannes 14,1-4).

Thomas antwortete ehrlich und unverblümt: „Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst; wie können wir den Weg wissen?“ (Vers 5). Jesus erwiderte mit den wohl klarsten und tröstlichsten Worten der gesamten Bibel: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich. Wenn ihr mich erkannt habt, so werdet ihr auch meinen Vater erkennen“ (Verse 6-7).

Wenn wir an Thomas denken, der an jenem Passahabend mitten unter den Jüngern stand, erkennen wir: Nähe allein genügt nicht. Sie muss tiefer gehen. Jesus war damals – und später bei der berühmten Begegnung nach seiner Auferstehung (Johannes 20,24-29) – sanft und zugleich direkt zu Thomas. Genauso begegnet er auch uns heute und hilft uns, den lebendigen Erlöser immer mehr in uns wachsen zu lassen.

Das zeitlose Echo, das zu uns kommt

Woher stammt eigentlich der berühmte Satz „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“? Aus den Evangelien? Aus einem Paulusbrief? Nein. Er kommt aus dem Alten Testament – aus der Mitte des Buches Hiob.

Noch bevor Israel als Volk existierte, stellte Satan einen treuen Anhänger des einen wahren Gottes auf eine schier unerträgliche Probe. Hiob verlor fast alles: seine Kinder, seinen gesamten Besitz und schließlich seine Gesundheit. Gott ließ dies zu – nicht aus Willkür, sondern zu einem Zweck, der weit über menschliche Belastbarkeit hinausging. Die Geschichte umfasst 42 Kapitel und bleibt bis heute eine der tiefsten Auseinandersetzungen mit Leid und Glauben.

Bereits nach der ersten, überwältigenden Katastrophe zeigte sich, was Hiob im Innersten trug. Seine Worte offenbaren eine Haltung, die größer war als der Sturm des Lebens:

„Da stand Hiob auf und zerriss sein Kleid und schor sein Haupt und fiel auf die Erde und neigte sich tief und sprach: Ich bin nackt von meiner Mutter Leibe gekommen, nackt werde ich wieder dahinfahren. Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen; der Name des Herrn sei gelobt! In diesem allen sündigte Hiob nicht und tat nichts Törichtes wider Gott“ (Hiob 1,20-22).

Als sich die Lage dramatisch zuspitzte und Hiob von schmerzhaften Geschwüren übersät war, verlor seine Frau die Fassung und forderte ihn heraus: „Hältst du noch fest an deiner Frömmigkeit? Sage Gott ab und stirb!“ Doch Hiob antwortete ihr: „Du redest, wie die törichten Frauen reden. Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen? In diesem allen versündigte sich Hiob nicht mit seinen Lippen“ (Hiob 2,9-10).

Was hielt Hiob in seiner tiefen menschlichen Verzweiflung aufrecht – und was ließ seinen Glauben 40 Kapitel später so reifen, dass er schließlich sagen konnte: „Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen“ (Hiob 42,5)? Der feste Anker, der ihn mit Gott verband, wird bereits in Kapitel 19 deutlich:

„Ach dass meine Reden aufgeschrieben würden! Ach dass sie aufgezeichnet würden als Inschrift, mit einem eisernen Griffel in Blei geschrieben, zu ewigem Gedächtnis in einen Fels gehauen! Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben“ (Hiob 19,23-25; alle Hervorhebungen durch uns).

Obwohl er bereits die Gewissheit der Auferstehung ausgesprochen hatte (Hiob 14,10-15), fügte er mit großer Sehnsucht noch hinzu, dass er Gott selbst schauen werde: „Und ist meine Haut noch so zerschlagen und mein Fleisch dahingeschwunden, so werde ich doch Gott sehen. Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust“ (Hiob 19,26-27).

Wie können wir die Rolle eines Erlösers besser verstehen? Im alten Israel war der „Göel“ (Erlöser) ein naher Verwandter, der in Not geratene Familienmitglieder rettete. Er kaufte Versklavte frei, löste verpfändeten Grundbesitz aus oder trat ein, wenn eine Familie ohne männlichen Erben zu zerfallen drohte.

Ein eindrückliches Beispiel finden wir im Buch Rut: Boas, der wohlhabende Verwandte, kaufte Noomis verpfändeten Acker zurück und heiratete die verwitwete Rut. So sicherte er den Namen und das Erbe der verstorbenen Familie (vgl. 5. Mose 25,5-10).

Der Erlöser verkörperte für die Hoffnungslosen genau das, was sie selbst nicht mehr leisten konnten: Rettung von außen. Wer keine Zukunft mehr sah, durfte auf einen starken, barmherzigen Verwandten hoffen, der für ihn eintrat.

Bereits der Patriarch Jakob bezeugte diese göttliche Erlösung, als er von dem Engel sprach, der ihm geholfen hatte: „Der Gott, vor dem meine Väter Abraham und Isaak gewandelt sind, der Gott, der mein Hirte gewesen ist mein Leben lang bis auf diesen Tag, der Engel, der mich erlöst hat von allem Übel“ (1. Mose 48,15-16). Diese alttestamentliche Wirklichkeit findet ihre volle Erfüllung in Jesus Christus. Der Apostel Paulus bringt es in Titus 2, Verse 13-14 treffend zum Ausdruck:

„Denn wir warten darauf, dass sich unsere wunderbare Hoffnung erfüllt: dass unser großer Gott und Retter Jesus Christus in seiner ganzen Herrlichkeit erscheinen wird. Er hat sein Leben für uns gegeben und uns von aller Schuld befreit. So sind wir sein Volk geworden, das ihm allein gehört; wir sind rein von Sünde und bereit, von ganzem Herzen Gutes zu tun“ („Hoffnung für alle“-Bibel).

Unser aller göttliche Verwandte ist gekommen – näher, als Boas es je sein konnte.

„Gott, für den alles geschaffen wurde und durch den alles ist, wollte nämlich viele Menschen als seine Kinder annehmen und sie in sein herrliches Reich führen. Jesus sollte ihnen den Weg dorthin bahnen. Doch dazu war es notwendig, dass er selbst durch das Leiden am Kreuz zur Vollendung gelangte . . . Jetzt haben alle den einen Vater: sowohl Jesus, der die Menschen in die Gemeinschaft mit Gott führt, als auch die Menschen, die durch Jesus zu Gott geführt werden. Darum schämt sich Jesus auch nicht, sie seine Brüder und Schwestern zu nennen“ (Hebräer 2,11-12; ebenda).

Die Nähe des Erlösers

Zum Abschluss wollen wir die Worte eines weiteren Apostels hören. Johannes überlebte alle seine Mitapostel, doch auch ihm blieb der Tod letztendlich nicht erspart. Kurz zuvor jedoch erschien ihm Christus in einer überwältigenden Vision, die uns bis heute im Buch der Offenbarung geschenkt ist:

„Als ich das sah, fiel ich wie tot vor seinen Füßen nieder. Aber er legte seine rechte Hand auf mich und sagte: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte, und ich bin der Lebendige. Ich war tot, doch nun lebe ich für immer und ewig, und ich habe Macht über den Tod und das Totenreich“ (Offenbarung 1,17-18; ebenda).

Unser himmlischer Vater und sein auferstandener Sohn wussten genau, wie sehr Johannes in diesem Moment die Gewissheit brauchte, dass sein Erlöser wirklich lebt. Er brauchte diese unmittelbare, persönliche Begegnung mit dem Auferstandenen – gerade als ihm die gewaltige, für Menschen so schwer fassbare Erlösung der ganzen Welt offenbart wurde.

Vielleicht lesen auch Sie diese Zeilen genau jetzt (vgl. Ester 4,14) und sehnen sich, wie jene Solistin damals, nach einer Auszeit auf der Bühne des Lebens. Dann dürfen Sie innehalten, neue Kraft schöpfen und Zuversicht tanken.

Deshalb: Singen Sie es! Leben Sie es! Und spüren Sie die tröstende, stärkende Nähe Ihres lebendigen Erlösers in Ihrem Herzen.

– Gute Nachrichten September-Oktober 2026 PDF-Datei dieser Ausgabe

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